Kaleido Ostbelgien


Hochbegabung

Die Hochbegabung ist ein Thema, von dem immer mehr gesprochen wird. Obwohl diese Bezeichnung erst vor einigen Jahren aufgetaucht ist, existiert und fasziniert das Thema der Hochbegabung die Menschheit schon seit der Antike.

 

Was bedeutet Hochbegabung?  

Die Hochbegabung wird definiert durch eine Reihe von Eigenschaften, die bei einer Person beobachtet werden können. Ein einziges Merkmal allein reicht nicht aus, um von einer Hochbegabung zu sprechen.  

Diese verschiedenen Merkmale sind intellektueller, emotionaler, sozialer, beziehungsorientierter und verhaltensbezogener Natur.  

Sie weisen eine ungewöhnliche Intensität auf und haben dementsprechend die Tendenz, sich in einer ausgeprägten Art und Weise bei Kindern und Jugendlichen zu präsentieren.  

Merkmale hochbegabter Kinder sind: 

frühes Sprechen 

großer Wortschatz 

schnelle Auffassungsgabe 

genaue Beobachtungsgabe 

überdurchschnittliches Konzentrationsvermögen 

Langeweile bei Routine 

ausgeprägtes Gedächtnis 

rasches Erkennen von Zusammenhängen zwischen Ursache und Wirkung 

autodidaktisches Lernen 

Wissbegierde 

geringes Schlafbedürfnis 

mitunter Spezialinteressen 

Lesebegeisterung 

klare eigene Ansichten und Meinungen 

Perfektionsstreben 

kritisches Hinterfragen von Meinungen und Autoritäten 

starkes Verantwortungsgefühl 

Kreativität, Fantasie 

Sensibilität 

Bei hochbegabten Kindern verläuft die intellektuelle Entwicklung oft schneller als die emotionale und die körperliche. So kann es dazu kommen, dass ein Vierjähriger die intellektuellen Fähigkeiten eines Achtjährigen hat, aber im emotionalen und sozialen Verhalten, dem eines Sechsjährigen oder gar eines Dreijährigen entspricht. Ein IQ von 130 und mehr schützt nicht vor Wutanfällen, Geheul und anderen völlig normalen kindlichen Verhaltensweisen. Auch wenn hochbegabte Kinder oft sehr reif auf uns wirken, ist es wichtig, dass wir sie dennoch als Kinder wahrnehmen und entsprechend behandeln.  

 

Hochbegabung kann nicht erlernt werden - sie ist angeboren. Eltern können beispielsweise ihr Kind nicht derart stimulieren, dass es irgendwann „hochbegabt wird“. Es geht hierbei nicht darum, „schlauer“ zu sein als andere Kinder. Es handelt sich eher um eine andere Nutzung der ausgeprägten intellektuellen Funktionen. Statt einer sogenannten „linearen“ Denkweise wird die Person mit Hochbegabung eher ein „divergentes“, sprich offenes und experimentierfreudiges Denken bevorzugen.  

Nur ein entsprechend ausgebildeter Therapeut ist dazu berechtigt eine Hochbegabung zu erkennen. In diesem Fall sprechen wir jedoch nicht von einer „Diagnose“, da es sich hierbei nicht um eine Krankheit oder einer Behinderung handelt. Vielmehr wird eine Hochbegabung „identifiziert“.  

Welche Merkmale treten bei einem Kind oder Jugendlichen mit Hochbegabung auf? 

Alle emotionalen, intellektuellen, sozialen, beziehungsorientierten und verhaltensbezogenen Merkmale treten bei Menschen mit Hochbegabung genau wie beim Rest der Bevölkerung auf. Und wie bereits bekannt, ist jeder Mensch anders. Es gibt jedoch bestimmte Merkmale, die häufiger auftreten als andere. Hier werden einige Beispiele erläutert, die keineswegs eine vollständige Liste darstellen.  

Außergewöhnliche Neugierde und Hypersensibilität gehören zum Beispiel zu den intellektuellen und emotionalen Merkmalen, die häufig bei Kindern mit Hochbegabung auftreten. Diese Neugierde wird ein hochbegabtes Kind dazu bringen, viele und vor allen Dingen sehr präzise Fragen zu stellen. Es wird nicht nur ein „sehr neugieriges“ Kind sein, das Fragen zu vielen Themen stellt, sondern auch ein Kind, welches äußerst sensibel auf die Antworten reagiert, die es erhalten wird. Diese außergewöhnliche Neugierde, verbunden mit der Hypersensibilität, wird daher die Auswirkung der erhaltenen Informationen auf das Kind verstärken.  

Es ist beispielsweise üblich, dass ein 5- bis 6-jähriges Kind Fragen zum Tod stellt. Dieses Thema beschäftigt ein Kind mit Hochbegabung noch viel mehr und dies bis zu einem Punkt, an dem es nicht mehr einschlafen kann oder Heulkrämpfe erleidet. Es ist dann nicht mehr in der Lage sich zu beruhigen. Erwachsene, die dem Kind nahestehen, könnten dieses Verhalten als „übertrieben“ oder „extrem“ wahrnehmen.  

Ein weiteres sehr häufig auftretendes Merkmal ist das Vorhandensein vieler Talente: in mehreren Bereichen wird das Kind sich auszeichnen oder besondere Kompetenzen entwickeln.  

Ein starkes Interesse für das Lesen (sofern das Kind keine Teilleistungsstörungen aufweist), sowie eine große Vorstellungskraft und Kreativität sind ebenfalls oft bei diesen Menschen vorhanden.  

Zudem ist eine hohe körperliche Energie auf der Verhaltensebene zu beobachten. Dennoch kann sich das hochbegabte Kind, wenn es sich für etwas interessiert, besonders gut konzentrieren. Demzufolge handelt es sich hier nicht um eine motorische Unruhe, wie es zum Beispiel bei Kindern mit Hyperaktivität beobachtet werden kann.  

Was die intellektuellen Merkmale betrifft, ist eine IQ-Testung notwendig, um sich ein Bild der Denkweise des Kindes machen zu können. Um eine Hochbegabung identifizieren zu können, muss das Resultat der Testung einen Mindestwert von 130 haben. In manchen Fällen kann sich jedoch schon bei einem Wert von 125 die Frage einer potenziellen Hochbegabung stellen.  

Sind Kinder mit einer Hochbegabung anders als andere Kinder?  

Kinder mit einer Hochbegabung sind Kinder wie alle anderen auch. Sie haben die gleichen Bedürfnisse wie andere Gleichaltrige, aber bestimmte Bereiche (je nach Kind) erfordern besondere Aufmerksamkeiten.  

Wichtig zu betonen ist, dass Personen (Kinder oder Erwachsene), die eine Hochbegabung haben, sehr individuelle Ausprägungen aufweisen, weshalb es kein „Standardprofil“ gibt.  

 

Mythos Genie 

Oft gehen wir davon aus, dass hochbegabte Kinder sich durch überdurchschnittliche Leistungen auszeichnen und als Wunderkinder wahrgenommen werden. Hochbegabte haben das Potenzial für Lernerfolge, doch intellektuelle Begabungen drücken sich nicht zwangsläufig in guten schulischen Leistungen aus.  

Dauerhafte Unterforderung führt zu Langeweile, die sich über kurz oder lang in Verhaltensauffälligkeiten und Störverhalten ausdrücken kann. Die wenigsten Lehrkräfte würden bei verhaltensauffälligen Kindern eine unentdeckte Hochbegabung vermuten. Zu sehr werden Intelligenz und Begabung in Verbindung gebracht mit Angepasstheit, Motivation und der Fähigkeit, Schwierigkeiten erkennen, artikulieren und lösen zu können. Wenn Kinder trotz überdurchschnittlicher Intelligenz dennoch im schulischen Kontext auf Schwierigkeiten stoßen, so stellt uns Erwachsene das oft vor Rätsel.  

 

Was ist Minderleistung? 

Wir sprechen von Minderleistung („Underachievement“), wenn ein Mensch trotz hoher Intelligenz schlechte Leistungen aufzeigt. Auch wenn ca. 15% der Hochbegabten sogenannter „Minderleister“ sind, so wäre es falsch anzunehmen, dass jede Form von Schulversagen ein Anzeichen herausragender Intelligenz darstellt. Andersherum lohnt sich jedoch immer die Überlegung, ob ein schulisches Versagen immer auf mangelnde Intelligenz zurückzuführen ist, oder ob dies andere Gründe, wie beispielsweise eine Unterforderung durch Hochbegabung.  

Zu den Merkmalen hochbegabter Minderleister zählen eine negative Selbsteinschätzung, ein unsystematisches und damit wenig effizientes Arbeits- und Lernverhalten, mangelnde Motivation, fehlende Sinnhaftigkeit von Übungen, wenig Anstrengungsbereitschaft aufgrund von Langeweile, geringes Durchhaltevermögen, mangelnde Selbstkontrolle, ausbleibende Erfolgserlebnisse und eine daraus resultierende depressive Verstimmung. 

Woher weiß ich, ob mein Kind eine Hochbegabung hat? 

Nur eine Intelligenztestung, kombiniert mit anderen oben genannten Merkmalen, ermöglicht es, mit Sicherheit die Hochbegabung einer Person zu bestätigen. Nicht nur die reinen Kennzahlen, sondern auch eine fachkundige Auswertung und Interpretation der Werte ist hier von großer Bedeutung.  

Es ist wichtig, diese Intelligenztestung erst nach dem 6. Lebensjahr des Kindes durchzuführen, da sie vorher nicht zuverlässig genug ist. Vor diesem Alter wird eher von einer „Frühreife“ gesprochen.  

Wann sollte mein Kind getestet werden?  

Den IQ eines Kindes oder eines Jugendlichen zu ermitteln, ist kein Spiel. Die Durchführung eines Intelligenztests kann für das Kind eine stressige Situation darstellen und erfordert viel Engagement seinerseits. Zudem kann es vorkommen, dass die Resultate der Testung Enttäuschungen mit sich bringen. 

In unserer leistungsorientierten Gesellschaft ist manchmal der Wunsch sehr präsent, dass unsere Kinder zu den „Besten“ gehören und wir wollen „prüfen“, ob eine Hochbegabung vorliegt.  Intelligenztestungen sollten jedoch nicht aus reiner Neugierde durchgeführt werden.  

Die Interessen und Bedürfnisse des Kindes stehen immer im Vordergrund. Jedes Kind hat das Recht, es selbst zu sein.  

Wenn das Kind im Alltag Schwierigkeiten aufweist oder leidet, kann eine Testung sinnvoll sein.  
Diese Schwierigkeiten können schulischer, manchmal pädagogischer oder sogar emotionaler Natur sein.  
Wichtig ist, die Situation und die Bedürfnisse des Kindes zu analysieren und auf dieser Basis zu entscheiden, ob eine Intelligenztestung notwendig erscheint oder nicht.  

In manchen Fällen, vor allen Dingen bei Erwachsenen oder älteren Jugendlichen ist es möglich, dass eine IQ-Testung durchgeführt wird, obwohl die Person keine besonderen Schwierigkeiten aufzeigt. Der Zweck einer Testung besteht dann darin, der Person zu helfen sich und ihre kognitive Vorgehensweise besser zu verstehen.  

Literaturangaben

Mönks Franz, Ypenburg Irene (2012): Unser Kind ist hochbegabt. Ein Leitfaden für Eltern. München, Reinhardt.

Braconnier, Victor (2017-2018): cours d’université: ‘Accompagnement des enfants et des adolescents à hauts potentiels en difficulté’. Umons.

Siaud-Facchin, Jeanne (2012): L’enfant surdoué. L’aider à grandir, l’aider à réussir. Villeneuve d’Ascq. Edition Odile Jacob.